Politik und Journalismus

Tages Anzeiger, 11. 07. 2011

Wenn Parteikollegen schaden statt nützen.

Gesehen & Gehört

FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger sorgt für Wirbel: Der Ex-TV-Moderator will auf die Wahlen hin auf Sat 1 einen Polit-Talk moderieren – obwohl er für den Nationalrat kandidiert. CVP und Grüne wollen die Sendung deshalb boykottieren (TA von gestern). Im Kantonsrat sehen das die meisten National- und Ständeratskandidaten lockerer. Ein klares Nein kommt nur von der Grünen Lilith Hübscher, die selbst Journalistin ist und kaum mehr Aufträge bekommt, seit sie ein politisches Amt hat: «Das muss man akzeptieren. Politik und Journalismus sind nicht kompatible Jobs.»

Weniger Bedenken hat Hübschers Parteikollegin Ornella Ferro: «Sicher will Leutenegger damit die FDP besser positionieren. Aber so ist Politik.» Sie würde in der Sendung antreten: «Leutenegger weiss, wie man moderiert.» Genau das bezweifelt der SP-Ständeratskandidat Thomas Hardegger – aus einschlägiger Erfahrung: «Ich traue ihm nicht zu, eine Diskussion wertfrei zu führen. Er versuchte als Moderator einer Podiumsdiskussion einmal, mich aufs Glatteis zu führen.» Dennoch würde auch er sich einer Diskussion stellen: «Man kann sich dem ja gar nicht entziehen.»Gespalten ist Leuteneggers eigene Partei. Während Carmen Walker die geplante Sendung «super» findet, meint Parteipräsident Beat Walti maliziös: «Ich kann mir gar nicht vorstellen, wieso jemand wie Filippo noch bekannter werden will, als er ist.» Er fürchtet mehr Schaden als Nutzen für seine Partei: «Die FDP ist Leutenegger ziemlich ausgeliefert. »

Mehr Schaden als Nutzen hatte am Sonntag auch Esther Hildebrand – aus ihrer Beziehung zu Regierungsrat Martin Graf. Sie war angetreten, um für die Grünen Grafs Sitz im Stadtrat von Illnau-Effretikon zu verteidigen. Gewählt wurde sie nicht. Allerdings hatte er an der Niederlage fast mehr zu kauen als sie: «Manche Leute fürchteten eine Machtkonzentration. Das ist enttäuschend. Ich behindere indirekt die Berufstätigkeit meiner Frau.»

Ein ungewöhnliches Team war gestern in der Ratspause am Werk: Der CVP-Fraktionschef Philipp Kutter und SVP-Kantonsrat Claudio Schmid sprayten im Rahmen einer Aktion der parlamentarischen Gruppe Jugend gemeinsam ein Graffiti. Dabei war Kutter der Mann fürs Grobe, während Schmid die Feinarbeit übernahm – in den Ratsdebatten ist es in der Regel umgekehrt. Kutter hätte Schmid gern einen Strick daraus gedreht, dass der ihm an seinem Werk herumflickte. Aber er musste zugeben: «Schmid hat das Sprayen mehr im Griff als ich.»

 
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